Loading ...
www.lgrb-bw.de | 27.02.2017
LANDESAMT FÜR GEOLOGIE, ROHSTOFFE UND BERGBAU

Informationen über Massenbewegungen am Albtrauf: Hier der Schadensfall an der Landhaussiedlung in Mössingen-Öschingen vom 02.06.2013

Aufhebung der Evakuierung der Landhaussiedlung Mössingen: Aufwändige ingenieurgeologische Sicherungsmaßnahmen erfolgreich abgeschlossen

Mit einer kleinen Feier hat die Stadt Mössingen heute die Aufhebung der Evakuierung der Landhaussiedlung Mössingen gewürdigt. Siedlungsbewohner, Oberbürgermeister Bulander, städtische Repräsentanten und Vertreter der Ingenieurbüros sowie des Landesamtes für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) setzten damit einen Schlusspunkt unter eine rund einjährige, in der Geschichte des Landes erst- und einmalige Sicherungsmaßnahme zu Stabilisierung einer Hangrutschung, die Anfang Juni 2013 bundesweit für Schlagzeilen sorgte:

Lang anhaltende Starkniederschläge hatten am Albtrauf auf einer Fläche von rund 9 ha ca. eine halbe Million Kubikmeter Boden- und Felsmassen talwärts in Bewegung gesetzt. Dabei wurden die Wohnhäuser der am Fuß des Dachslochbergs gelegenen Landhaussiedlung mitsamt den Nebengebäuden in unterschiedlichem Maße von den Hangbewegungen erfasst. Die Anwohner der Landhaussiedlung hat man daher noch am selben Abend evakuiert. Mitarbeiter des LGRB unter Leitung von Dr. Clemens Ruch legten wenige Tage später eine Gefährdungsabschätzung sowie Empfehlungen zur weiteren Vorgehensweise vor. Hauptzielrichtung war, langfristig für eine geordnete Entwässerung des Hanges zu sorgen.

Die Stadt beauftragte das in der Rutschungsthematik erfahrene Ing.-Büro Prof. Vees und Partner (Leinfelden-Echterdingen) mit einer vertiefenden ingenieurgeologischen Aufnahme der Rutschung und der angrenzenden Hangfläche; die technische Planung und Umsetzung des erforderlichen Entwässerungskonzeptes zur Regulierung des Oberflächenwasserabflusses, zur Anlage von Tiefdrainagen wie auch das Ableiten des in Drainagen gefassten Hangwassers erfolgte in Abstimmung mit dem Ing.-Büro Herrmann und Mang (Pfullingen). Die Stadt Mössingen führte die bereits unmittelbar nach der Rutschung aufgenommenen geodätischen Vermessungen an Messpunkten im freien Gelände und in der Landhaussiedlung fort. Seitens der Gebäudeversicherung schaltete man das Ing.-Büro Hundhausen (Ditzingen-Schöckingen) ein, welches an zwei Gebäuden der Landhaussiedlung ebenfalls empfindliche Messsysteme installierte.

In Folge leiteten Stadt und Behörden umfangreiche Maßnahmen ein, um die Hangbewegung aufzuhalten: Das gesamte Rutschareal wurde so profiliert, dass abflusslose Senken beseitigt sind und das Oberflächenwasser nunmehr ein einheitlich talwärtiges Gefälle hat. Der Drainage des Hanges dienen „Sickergalerien“ mittels sogenannter Kiespfähle mit einen Bohrdurchmessser von 900 mm, die bis zu 17 m in den Untergrund reichen und einen Hangwasseraufstau innerhalb der Rutschmassen verhindern sollen: Über 800 solcher Kiespfähle hat die Spezialtiefbaufirma Bögl hergestellt. Grundwassermessstellen wurden eingerichtet, um sowohl im Hanggelände selbst als auch im Bereich der Landhaussiedlung auffällige Änderungen festzustellen, wobei erst langfristige Messreihen belastbare Angaben erbringen können.

Dass die vor einem Jahr eingeleiteten Maßnahmen gegriffen haben, dokumentiert die mehrseitige ingenieurgeologische Stellungnahme von Dr. Clemens Ruch, mit der er vor einigen Tagen die Bilanz aller eingeleiteten und durchgeführten Einzelmaßnahmen zog. Der Leitende Ingenieurgeologe des LGRB mahnt, das nachfolgende Monitoring nicht zu vernachlässigen: „Auch nach Aufhebung der Evakuierung und nach Beendigung aller restlichen Erdbaumaßnahmen muss das Areal beobachtet und überwacht werden. Daher ist es wichtig, dass die installierten Messeinrichtungen erhalten und vor Vandalismus geschützt werden“.

Für dieses Monitoring hat er einen Zeitplan erarbeitet, der vorläufig bis Ende des Jahres 2015 reicht.


gez. Joachim Müller-Bremberger (21.07.2014)

Allgemeines

Der Albtrauf ist der natürliche, nach Nordwesten freistehende Steilhang der Schwäbischen Alb. In ihm sind die Kalk-, Dolomit- und Mergelgesteine des Oberen Juras aufgeschlossen. Der Albtrauf weicht aufgrund natürlicher rückschreitender Erosion immer weiter nach Südosten zurück. Anhand von Gesteinsbruchstücken des Oberjuras im Tuffschlot des Scharnhauser Vulkans (Ostfildern) ist belegt, dass zumindest Abschnitte des Albtraufs im Tertiär (vor ca. 17 Mio. Jahren) mindestens 20 km nördlicher lagen als heute und beim Ausbruch des Vulkans die Gesteine des Oberjuras durchschlagen wurden.

Zum Inventar der rückschreitenden Erosion gehören Massenbewegungen wie Rutschungen, Bergstürze, Felsstürze und Steinschlagereignisse. Mit diesem Prozess flacht sich das Geländerelief des übersteilten Albtraufs zunehmend ab, um allmählich in einen standfesten Zustand zu überführen. Die größten Rutschungsereignisse, die zu den heute am Fuß des Albtraufs vorhandenen Bergrutschmassen führten, haben sich überwiegend während den klimatisch besonders ungünstigen Bedingungen der Eiszeiten (Pleistozän: zwischen 2,6 Mio. und 12.000 Jahren vor heute) ereignet. Nach der letzten Eiszeit  (Holozän: Zeitabschnitt 12.000 Jahre bis heute) sind diese landschaftsformenden Rutschungsereignisse zurückgetreten. Viele der alten Bergrutschmassen sind heute inaktiv, was jedoch markante Einzelereignisse nicht ausschließt (z. B. Bergsturz Bronner Mühle, 1960, Großrutsch Achalm, 1965, Bergrutsch an der Westseite des Eichbergs im Wutachtal, 1966, Bergrutsch am Hirschkopf bei Mössingen, 1983). Derartige Bewegungen folgen oftmals älteren, bereits eiszeitlich angelegten Strukturen.

Bei den alten, sehr heterogen zusammengesetzten Bergsturz-/Rutschmassen unterliegen besonders die tonig-mergeligen Umlagerungsprodukte saisonalen Volumenschwankungen durch austrocknungsbedingtes Schrumpfen und Quellen nach Wiederbefeuchtung. Hinzu kommt ein in Hanglage nicht zu vermeidendes oberflächennahes Hangkriechen.

Aus diesem Grund hat das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) für Erschließungs- und Bauvorhaben im Bereich alter, inaktiver Rutschmassen wiederholt entsprechende Hinweise zur Gründung und konstruktiven Ausbildung von Bauwerken formuliert:

  • Vermeidung unsachgemäßer Massenverlagerungen
  • Wenn möglich Durchgründen der Rutschmassen
  • Biegesteifes Untergeschoss
  • Dauerhaft funktions- und wartungsfähige Drainagen



Abb. 1

Der Schadensfall an der Landhaussiedlung vom 02.06.2013

Nach lang anhaltenden Starkniederschlägen, vor allem vom 31.05.2013 bis zum 02.06.2013, hat sich am Sonntag, dem 02.06.2013, gegen 20:00 Uhr am Albtrauf auf Gemarkung Mössingen-Öschingen unterhalb des Roßbergs in den Gewannen Dachslochberg und Roßstaig ein Bergrutsch ereignet (Abb. 1).

Auf einer Länge von etwa 500 m und einer Breite von bis zu 300 m haben sich auf einer Fläche von über 9 Hektar rund eine halbe Million Kubikmeter Boden- und Felsmassen talwärts in Bewegung gesetzt. Dabei wurden die Wohnhäuser der am Fuß des Dachslochbergs gelegenen Landhaussiedlung mitsamt den Nebengebäuden in unterschiedlichem Maße von den Hangbewegungen erfasst (siehe Abb. 2). Die Anwohner der Landhaussiedlung wurden am selben Abend evakuiert.

Abb. 2

Im bewaldeten Hang etwa 70 Höhenmeter oberhalb der seit den 1960er Jahren errichteten Siedlung ist ein etwa höhenlinienparallel verlaufender Waldwirtschaftsweg, der Schembergweg, auf einer Länge von 260 m vollständig abgerutscht. Ebenfalls sind zwei kleinere Wirtschaftswege im Osten abgerutscht. Der westlich der aktiven Bergrutschmasse verlaufende Kalkofenweg wurde durch Spalten und einzelne Abrisse mit Sprunghöhen von mehreren Dezimetern unbefahrbar. Die Rutschmassen haben an ihrem westlichen Rand einen Bachlauf zugeschoben. Das Bachwasser konnte vor den Sanierungsmaßnahmen unterhalb des Schembergwegs in den Rutschmassen versitzen, an einigen Stellen im Mittelhang des Rutschareals wieder zu Tage treten und erneut im Rutschungsfuß einige Zehnermeter oberhalb der Siedlung vollständig versickern.

Der Bergrutsch gliedert sich in ein Abrissgebiet, eine mittlere Bewegungszone und eine Rutschungszunge. Das Abrissgebiet liegt etwa 170 Höhenmeter über dem Talniveau des Öschenbachs auf etwa 750 m NN und ist durch den bereits aus der Ferne sichtbaren, weißgrau erscheinenden Hauptabriss charakterisiert. Im Zentralbereich des über 35° steilen Abrisses befindet sich noch eine etwa 50 m breite, nur unvollständig abgerutschte Teilscholle. Die mittlere Bewegungszone ist bis zu 300 m breit und beginnt auf etwa 680 m NN (etwa auf Niveau des ehemaligen Schembergwegs) mit einer deutlichen Verebnung unterhalb der Steilwand. Diese etwa 20° bis 25° geneigte Zone zeichnet sich durch staffelartig zerlegte, schollenförmige Hangleisten mit dazwischen liegenden abflusslosen Senken und steilen sekundären Abrissen aus und geht talwärts in die Rutschungszunge über. Die mit 10° bis 15° nur flach geneigte Rutschungszunge endet an dem markanten, aus aufgeschobenen Erd- und Felsmassen und ehemals wirr ineinander liegenden Bäumen bestehenden Stauchwulst. Der Fuß des Stauchwulstes liegt nur wenige Meter oberhalb der ersten Gebäude auf etwa 610 m NN und ist dort bis zu 120 m breit.

Die Tiefenlage der Gleitflächen variiert nach den zwischenzeitlich durchgeführten Bohrungen zwischen wenigen Metern bis 17 m unter Geländeoberfläche (durchschnittlich 7 bis 10 m).

Das Gelände der Landhaussiedlung fällt mit stellenweise weniger als 5° zum Öschenbach ab. Die Gebäude der Landhaussiedlung wurden zwar nicht unmittelbar von den Rutschmassen betroffen, wurden aber mittelbar durch die talwärts gerichtete Druckausbreitung der im Hang oberhalb bewegten Boden- und Felsmassen und dadurch bedingte Untergrundverformungen betroffen und sind bereits mehr oder minder stark beschädigt.

Die direkt westlich des Bergrutschgebiets angrenzenden, festgestellten Hangbewegungen unterhalb des Schembergwegs scheinen in Mitnahmebewegung an den Bergrutsch gekoppelt gewesen zu sein. In ihrem Ausmaß deutlich kleinere Hangbewegungen fanden sich noch an weiteren Stellen im Hanggelände.

Geologischer Überblick, Ursachen und auslösendes Moment des Bergrutsches

Nach Geologischer Karte baut sich der Untergrund des Roßbergs aus Gesteinen des Mittleren (jm) und Oberen Juras (jo) auf. Es handelt sich bei den Gesteinen des Mitteljuras vor allem um verwitterungsanfällige, mergelige Ton- und Schluffsteine mit eingelagerten, geringmächtigen Kalk- und Sandsteinbänken, die den unteren und mittleren Hang aufbauen. Darüber lagern Mergel- und Kalksteine der Impressamergel-Formation (joI) des Oberjuras, die nach oben von den Karbonatgesteinen der Wohlgeschichteten Kalkstein-Formation (joW) abgelöst werden. Die bereits zur Albhochfläche gehörende Verebnung baut sich aus Mergelsteinen der Lacunosamergel-Formation (joL) auf. Den Gipfel des Roßbergs bilden miozäne Basalttuffe des Tertiärs. Der Mittel- und Unterhang ist von mehreren Metern bis Zehnermeter mächtigen Deckschichten aus mergeligem Hangschutt (qu) und alten Rutschmassen (qR) überlagert.

Rutschungen in der Größenordnung des Bergrutsches oberhalb der Landhaussiedlung gehören zum natürlichen Inventar des rutschungsanfälligen Albtraufs (s. o.) und können als Jahrzehnt- bzw. Jahrhundertereignis gewertet werden. Nach Auswertung des hochauflösenden Digitalen Geländemodells (DGM) ist der Bergrutsch als Reaktivierung einer wahrscheinlich Jahrhunderte oder Jahrtausende alten Hangbewegung zu verstehen. Auslösendes Moment für den Bergrutsch vom 02.06.2013 waren die starken Niederschläge des ersten Juniwochenendes sowie überdurchschnittlich nasse Vormonate.

Sofortmaßnahmen

In Abstimmung mit der Einsatzleitung wurden folgende Sofortmaßnahmen durchgeführt:

  • Evakuierung der Landhaussiedlung
  • Auspumpen der Öltanks
  • Abstellen der Strom- und Wasserversorgung
  • Absperren der beschädigten bzw. abgerutschten Waldwirtschaftswege mit Trassierband und Baugittern
  • Umsetzen eines Betretungsverbots der Siedlung durch Baugitter
  • Ableitungen des Bachwassers aus dem durch die Rutschmassen zugeschobenen Graben an zwei Stellen mittels Minibagger
  • Installation des Einsatzstellen-Sicherungs-System (ESS) des THW auf dem Kalkofenplateau
  • Installation geodätischer Messpunkten innerhalb der Siedlung
  • Permanente Überwachung der Gebäude- und Hangbewegungen durch ESS
  • Durchführung einer Hubschrauberbefliegung zur Fertigung von Luftbildern
  • Begehung der Randbereiche des Bergrutsches durch LGRB und Feuerwehr
  • Installation von provisorischen Messstrecken am Kalkofenweg
  • Entwässerung der sich hinter dem Stauchwulst neu gebildeten Seefläche

Nach Eintritt des Schadensereignisses hat das LGRB mit einem Vertreter der Feuerwehr die Hangbereiche im unmittelbaren Umfeld des Bergrutsches auf Hinweise weiterer Hangbewegungen untersucht. Sowohl bis ca. 100 m westlich als auch bis ca. 100 m östlich des aktuellen Bergrutsches vom 02.06.2013 wurden weitere, allerdings deutlich kleinervolumige Flachrutschungen festgestellt. Bei der Begehung wurden auch die Gebäude der Siedlung visuell auf frische Risseschäden untersucht. Dabei zeigten 10 Wohnhäuser samt Außenanlagen eindeutige Schubrisse. Teilweise waren Terrassen und Verbundsteinpflaster unter deutlicher Spannung bzw. haben sich bereits stellenweise aufgestellt. Lediglich an drei Häusern waren zum Zeitpunkt der Besichtigung am 04.06.2013 keine Hinweise auf Schubbeanspruchung sichtbar.

Am Abend des 05.06.2013 fand im Feuerwehrhaus in Öschingen unter Vorsitz des Oberbürgermeisters der Stadt Mössingen eine erste Informationsveranstaltung für die evakuierten Bewohner statt. Dabei wurden die Kartierergebnisse des LGRB vorgestellt, die geologische Situation der Bergrutschmasse beschrieben und die Gefahrenlage näher erläutert. Die bis dahin vorliegenden Messergebnisse des THW zeigten, dass sich die Bewegungen deutlich verlangsamt haben, bzw. zum Teil bereits im Bereich der Messgenauigkeit des ESS lagen.

Geodätische Vermessungen

Auf der Hochfläche des Kalkofens wurde am 03.06.2013 ein ESS installiert, welches eine permanente, automatische geodätische Überwachung der Gebäude- und Hangbewegungen erlaubte. Messspiegel wurden an Häuserwänden, Straßen und Wiesenflächen innerhalb der Siedlung installiert. Das ESS wurde am Freitag, dem 07.06.2013 vom THW rückgebaut. Nach Auswertung der Messergebnisse wurden vom 03.06.2013 (23.30 Uhr) bis zum 07.06.2013 (16:00 Uhr) über 22 cm Bewegung innerhalb von 3,5 Tagen ermittelt.

Demnach befand sich der Hangfuß bzw. das Gelände der Landhaussiedlung weiterhin in kriechender Bewegung. Die Verschiebungsgeschwindigkeiten lagen im Bereich von einigen Zentimetern pro Tag, die Verschiebungsrichtungen zeigen einheitlich nach Süden bzw. Südwesten. Die vorliegenden Zeitreihen zeigen, dass die aktiven Bewegungen mittlerweile abgeklungen sind. Durch die Profilierung des Rutschgeländes sowie die Installation von Tiefdrainagesystemen muss sichergestellt werden, dass Stark- und Dauerregenereignisse künftig keine neuerlichen Hangbewegungen hervorrufen können.

Die Bewegungen am Fuß des Stauchwulstes sind am stärksten und nehmen in Richtung Öschenbach allmählich ab. Die am Rande der Siedlung gelegenen Messpunkte zeigen ebenfalls einige Zentimeter Gesamtverformungen.

Gefährdungsabschätzung

Im Rahmen der Sofortberatung wurde vom LGRB ausgeführt, dass in den Wochen und Monaten nach dem Ereignis im Bergrutschgebiet und an dessen Rändern die konkrete Gefahr weiterer Hangbewegungen und Nachrutschungen besteht. Besondere Bedeutung für Leib und Leben sowie für die Gebäude der Landhaussiedlung stellten folgende akute Gefahren dar:

  • Steinschlag und Felssturz unterhalb der Felssteilwände des Abrissgebiets
  • Nachbrechen großer Hangleisten aus den oberen Rändern des Bergrutschgeländes
  • Verbreiung und Ausbruch des Stauchwulstes mit der Entstehung eines talwärts fließenden Erd- und Schlammstroms
  • Talwärtiges Vorschieben des Stauchwulstes ohne Ausbruch eines Schlammstroms
  • Ausdehnen des von den Hangbewegungen betroffenen Geländes talwärts des Stauchwulstes
  • Vergrößerung der bisherigen Gebäudeschäden und daraus resultierende Einsturzgefahr bei anhaltender Kriechbewegung

Innerhalb des Bergrutschareals war mit offenen oder mit Humusbrücken verdeckten Spalten sowie schlammgefüllten Senken zu rechnen. Die durch die tiefgreifenden Hangbewegungen umgeworfenen oder verstellten Bäume standen häufig unter starker Spannung und konnten schlagartig zerreißen. Die Baumkronen reichten beim Sturz entsprechend weit über die geologische Begrenzung der Bergrutschmasse hinaus. Dies betraf vor allem den Bereich des Stauchwulstes, also entlang der ersten Häuserzeile am Orchideenweg, sowie den Bereich in Verlängerung des Enzianwegs.

Je nach Niederschlagsereignissen war mit einer Beschleunigung der Hangbewegungen zu rechnen.

Aller Erfahrung nach war mit einem deutlichen Nachkriechen im Zentimeter- bis Dezimeterbereich der gesamten Bergrutschmasse in den kommenden Wochen und Monaten zu rechnen. Für die Gebäude der Landhaussiedlung bedeutete dies, dass sich bereits entstandene Risse und Spalten verbreitern und sich weitere Gebäudeschäden durch Druck und Stauchbewegungen bilden können.

Empfehlungen

Aus Sicht des LGRB musste die Evakuierung aufrecht erhalten bleiben, wobei von einer Evakuierungszeit von mehreren Wochen oder sogar Monaten auszugehen war.

Eine kontinuierliche geodätische Kontrolle der Messpunkte war sicherzustellen. Sie bildete neben den Verschiebungsmessungen in Inklinometern die einzige Beurteilungsgrundlage über die Zeitdauer der Evakuierung. Das künftige Messintervall ist den Messergebnissen anzupassen.


Langfristige Konzepte
Als langfristige Maßnahmen wurden eine ingenieurgeologische Detailerkundung inkl. Monitoring sowie die Ausarbeitung eines Vermessungs- und Entwässerungskonzeptes vorgeschlagen:

Ingenieurgeologische Erkundung und Monitoring
  • Ingenieurgeologische Aufnahme der Rutschung und angrenzenden Hangflächen
  • Untersuchung des Abrissgebiets auf weitere Hangzerreißungsspalten
  • Durchführung von Erkundungsbohrungen und Ausbau zu Inklinometer-Messstellen in der Landhaussiedlung im Einflussbereich des Stauchwulstes

Vermessungskonzept
  • Setzen weiterer geodätischer Messpunkte innerhalb und außerhalb der Bergrutschmasse
  • ggf. Geländevermessung mittels Laserscanbefliegung (LIDAR)

Entwässerungskonzept
  • schadloses Abführen des Oberflächenwassers
  • dauerhafte Verlegung des Bachs auf Höhe des Kalkofenplatzes und
  • Entwässerung abflussloser Senken
  • Beseitigung stehender Wasserflächen
  • Installation von Tiefensickerungen
  • Installation von Sickerstützscheiben am Stauchwulst bzw. im Rutschungsfuß nach Abtrocknen

Überprüfung der Infrastruktur
  • Wasser- und Stromleitungen
  • Gebäudestatik

Voraussetzungen zur Aufhebung der Evakuierung
Die Evakuierung der Landhaussiedlung setzt die nachfolgenden Punkte voraus:
  • Entwässerungsmaßnahmen sind umgesetzt und greifen
  • Hangbewegungen sind zum Stillstand gekommen
  • Infrastruktur ist geprüft und funktionstüchtig
  • Gebäudestatik ist geprüft und die Standsicherheit und Gebrauchstauglichkeit bestätigt

Allgemeine Empfehlungen
Die vorgeschlagenen langfristigen Maßnahmen wurden nach vorhergehender Abstimmung mit dem LGRB von einem mit der Rutschungsthematik erfahrenen privaten Ingenieurbüro umgesetzt und sind derzeit (Stand Juni 2014) weitgehend abgeschlossen. Auch nach Aufhebung der Evakuierung der Landhaussiedlung ist für das Rutschgebiet ein umfangreiches geotechnisches Monitoring (Inklinometermessungen, Grundwasser- und Abflussmessungen) vorgesehen, dessen zeitlicher Rahmen auf die Ergebnisse der vorliegenden Messungen abzustimmen ist.



Abb. 3

Übersicht geogener Naturgefahren in Baden-Württemberg

Das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) gibt seit Februar 2014 die ingenieurgeologische Gefahrenhinweiskarte von Baden-Württemberg heraus. Die nach wissenschaftlichen Kriterien und gemäß den INSPIRE-Richtlinien der EU erstellten digitalen Hinweiskarten gewähren eine Übersicht geogener Naturgefahren des Landes. Im Maßstab 1:50.000 werden die Naturgefahren Massenbewegungen (Rutschungen, Steinschlag/Felssturz), Verkarstung (Dolinen, Erdfälle, Karstsenken) sowie setzungs- und hebungsgefährdeter Baugrund als Flächen- und Punktdaten dargestellt. Nebenstehende Karte gibt einen Ausschnitt der Gefahrenhinweiskarte für das Gemeindegebiet Mössingen wieder (Abb. 3).

Ziele
Gefahrenhinweiskarten sind auf die Belange der Raumplanung ausgerichtet und nicht parzellenscharf. Sie dienen Ministerien, Fachbehörden, Kreis- und Kommunalverwaltungen sowie Wirtschaftsunternehmen und Bürgern als erste Grundlage zur Gefahreneinschätzung mit dem Ziel, Schäden durch vorausschauende Planung zu verhindern bzw. zu minimieren.

Grenzen
Gefahrenhinweiskarten ersetzen keine objektbezogene geotechnische Baugrunduntersuchung, sie sollen jedoch aufzeigen, in welchen Flächen frühzeitig objektbezogene Baugrunderkundungen und ingenieurgeologische Übersichtskartierungen angezeigt sind. Intensität und Wahrscheinlichkeit eines möglichen Ereignisses können aus der Gefahrenhinweiskarte nicht abgeleitet werden. Die Naturgefahren sind nicht im Detail analysiert. Unmittelbar an die ausgewiesenen Flächen angrenzende Bereiche können ebenfalls gefährdet sein.


Abb. 4
Ergebnisse
Rund 2,5 % (~89.000 ha, über 9000 Einzelflächen) der Landesfläche von Baden-Württemberg sind von Rutschungen betroffen. Hierzu zählen vor allem die Mittel- und Oberjurahänge des Albtraufs, Knollenmergel- und Gipskeuperausstriche im Albvorland, feinkörnige Tertiärgesteine in Oberschwaben und im Markgräflerland sowie Talhänge aus Mittlerem und Oberem Muschelkalk (vgl. hierzu Abb. 4).

Über 85.000 (vermutete) Karstobjekte (Dolinen, Erdfälle, Karstsenken) wurden landesweit detektiert. Von Verkarstung besonders betroffen sind die Schwäbische Alb (Karbonatgesteine des Oberjuras) sowie Dinkelberg, Obere Gäue mit Kraichgau sowie Tauber- und Hohenloher Land (Oberer Muschelkalk).

Zugang zur Gefahrenhinweiskarte
Die vom LGRB erstellten Flächen- und Punktdaten der ingenieurgeologischen Gefahrenhinweiskarte Baden-Württemberg sind als kostenpflichtiger WMS-Dienst unter http://geogefahren.lgrb-bw.de abrufbar und können im LGRB-Shop abonniert werden. Derzeit in Planung ist auch die Herausgabe des Kartenwerks als Plot im TK 50-Blattschnitt. Für Kommunen und alle übrigen Träger Öffentlicher Belange ist die Nutzung des WMS-Dienstes gebührenfrei

10.06.2014
Ref.95, Landesingenieurgeologie

Ansprechpartner
Leitung Referat 95:
Dr. Clemens Ruch
Telefon: 0761/208-3285
Dienstgebäude:
Sautierstraße 26, 79104 Freiburg i. Br.